Es war im Jahr 1995, als mich mein damaliger Verleger Frohmut Menze auf das Thema Mobbing und die Bücher von Heinz Leymann[1] hinwies mit der Frage, ob das nicht ein Thema für mich wäre. Schließlich war uns beiden sehr wohl bewusst, wie schlecht es um das Betriebsklima in vielen Schulen stand und er kannte meine Arbeit für eine neue, offene und gesundheitsorientierte Schularbeit. Ich war durch die Lektüre der beiden Taschenbücher wie elektrisiert. Die Schilderung der Fälle wirkte, als hätte da plötzlich jemand einen Schleier der Unerklärbarkeit vor manchen Fällen weggezogen, die mir zuvor in meiner Tätigkeit als Gewerkschafter und Personalrat auf der Personalverwaltungsebene untergekommen waren. Und nicht nur das: Hier zeigte ein Wissenschaftler mit einem großen Herzen für die Schwachen und Gedemütigten klare Handlungsmöglichkeiten auf.

Ich hatte mein Thema für den „Ruhestand“, den ich im Sommer 1996 nach 41 Jahren als Lehrer, davon die letzten 25 als Schulleiter, antreten sollte. Ich machte mein Projekt „Mobbing in der Schule“[2] über Fachzeitschriften und Gewerkschaftszeitungen bekannt, bat um Material und war über das Echo  geradezu erschüttert. Ohne die vorausgegangene Lektüre der beiden Leymann-Bücher hätten mich bei den meisten der Schilderungen der Kolleginnen und Kollegen Zweifel an der Glaubwürdigkeit erfasst. So aber konnte ich den unglaublichen Geschichten glauben und vertrauensvoll Kontakt aufnehmen. Ich erlebte viele Betroffene, die überaus dankbar waren für mein  Interesse an ihrem Fall: „Endlich glaubt mir mal einer, was ich hier erlebe“, hörte ich immer wieder am Telefon, las ich in Briefen. Das Besondere an meinen Fällen war, dass unter den rund 50 betroffenen Lehrerinnen und Lehrern, die sich früh bei mir gemeldet hatten, kaum jemand war, der nicht Opfer von Schikanen durch die Schulleitung oder von Kollegen unter Beteiligung der Schulleitung war, eine Beobachtung, die sich auch nach 1998, als mein Buch veröffentlicht war, fortsetzte: 96 Prozent. Im allgemeinen Berufsleben lagen diese Werte deutlich niedriger. Der Rest waren Fälle, in denen die Schulleiter durch Schikanen aus dem Kollegium, teils auch mit Unterstützung von Eltern, mitunter bis zur Dienstunfähigkeit schikaniert worden waren.

Diese Besonderheit veranlasste mich, Kontakt zu Heinz Leymann aufzunehmen. Ich wollte ihm von meiner Arbeit und meinen Beobachtungen berichten und fragte ihn, ob er mir ein Vorwort zu meinem Buch schreiben würde, was er nach kurzem Einblick in mein Manuskript sofort zusagte. Und nicht  nur dies: Er schlug mir ein gemeinsames Projekt zum Schülermobbing[3] vor. Ich griff diese Idee gerne auf und arbeitete mit seiner Zustimmung seinen LIPT-Fragebogen für den Einsatz in Schulklassen um. So entstand der „SMOB“ genannte Fragebogen, den ich in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Lehrerinnen und Lehrern in zwei Untersuchungen in 93 Schulklassen mit über 2000 Schülern erproben konnte. Ich konnte noch die Auswertung fertig stellen und mit Heinz Leymann am Telefon diskutieren. Er hatte bereits einiges an Text zum gemeinsamen Buch geschrieben, war damals allerdings bereits sehr geschwächt, dennoch sehr angetan von den eindeutigen Ergebnissen. Leider verstarb er kurze Zeit später plötzlich, und es stellte sich die Frage, wie es mit  dem Projekt weiter gehen sollte. Der Verlag bat, es weiter zu verfolgen und zu vollenden, was ich auch schweren Herzens tat. Ich habe das nicht bereut. Das an Heinz Leymann orientierte Konzept hat sich inzwischen sehr bewährt und hilft  interessierten Lehrern, leicht festzustellen, was in ihrer Klasse tatsächlich an täglicher Feindseligkeit passiert. An vielen Hochschulen im ganzen deutschsprachigen Raum Lehramtsstudenten und angehende Schulpsychologen erfahren dankenswerterweise von ihm und viele haben ihn schon in ihren wissenschaftlichen  Arbeiten eingesetzt, manche auch àla Guttenberg, aber das ist um der Sache willen zu verschmerzen. 

Als ich mit meinem ersten Buch den Finger in die Wunde des Mobbing in den Lehrerzimmern gelegt hatte, erlebte ich neben viel Anerkennung auch, dass die Existenz solcher Menschenrechtsverletzungen im gewöhnlichen  Schulalltag schlicht bestritten wurde. Manche Schulbürokraten übten sich in der Auslegung der Leymannschen Mobbingdefinition, kamen oft allzu rasch zum Urteil: Das ist ja gar kein Mobbing! Als dann die Diskussion um das Schülermobbing eröffnet war, ging das teilweise nicht viel anders. Inzwischen ist das Geschichte und kaum jemand bestreitet mehr die Realität dieser asymmetrischen Konflikte, von denen Lehrer wie Schüler betroffen sein können.  Auch auf dem Weg zur Hilfe im konkreten Fall wie in der Prävention gibt es beachtliche Fortschritte. Man kann aber mit Fug und Recht feststellen, dass dies das weit über seinen allzu frühen Tod hinaus wirkende Verdienst von Heinz Leymann ist. Ohne die Inspiration, die von seinen Büchern und seinen telefonischen Impulsen auf mich über gegangen ist, hätte es diese Arbeit von mir nicht gegeben. Er hat auch meinen systemischen Blick auf die Schule erweitert und bereichert. Ich bin ihm dafür zeitlebens überaus dankbar.

 

 Müllheim, 14. Januar 2012

 

Horst Kasper

Senfbodenweg 25  D-79379 Müllheim

Mail: horst-kasper@t-online.de

 



[1]  Heinz Leymann: Mobbing – Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek 1993

Heinz Leymann: Der neue Mobbingbericht – Erfahrungen und Initiativen, Auswege und Hilfsangebote. Reinbek 1995

[2] Horst Kasper: Mobbing in der Schule – Probleme annehmen, Konflikte lösen. AOL Lichtenau und Beltz Weinheim 1998

[3] Horst Kasper: Streber, Petzer, Sündenböcke  – Wege aus dem täglichen Elend des Schülermobbings. AOL Lichtenau 2001

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